Geschichte

Georges Hébert – Gründer von Méthode Naturelle

***Wir arbeiten noch jeden Tag an der Geschichte weiter, sodass sie noch etwas roh und länglich ist, und sich die Englische und Deutsche Versionen voneinander unterscheiden***

Als Entwickler der Méthode Naturelle gilt Georges Hébert (* 27. April 1875 in Paris; † 2. August 1957 in Tourgéville), ein französischer Marine-Offizier.

Sein Vater war ein Pariser, vom Beruf Buchhändler, die Mutter aus Burgund. Georges Hébert ging ab seinem siebten Lebensjahr eine Internatsschule, bis zu seinem Eintritt in die Marineschule im Jahre 1893.

Inspirationen Zwei Jahre später wird Hébert Marine-Offizier und umsegelt die Welt, am Anfang noch auf alten Schiffen mit Mastwerk und Segeln, wo er die letzten echten Machtwächter, außerordentlich athletisch und widerstandsfähig, bewundern könnte. Auf seinen Reisen um Süd, Mittel und Nordamerika bewundert er natürliche Völker um ihre gesunden, starken, schönen Körper. Seine besondere Bewunderung galt den Kohlenhändlerinnen von Martinique. Da in manchen Gegenden Krieg geführt wurde, hatte Hébert die Chance die Völker, Indianer oder kubanische Partisanen, direkt im Einsatz beobachten und sie um ihre Widerstandsfähigkeit und Geschmeidigkeit, und ihre mannhaften Qualitäten bewundern, und diese zum Beispiel mit spanischen Soldaten vergleichen, die bei weitem nicht über die körperliche Verfassung deren Gegner verfügten.

Bei einem längeren Aufenthalt in einem Hafen in den USA gewann Hébert einen Einblick in die Leibeserziehung auf Universitäten und in Sportvereinen.

Der Vulkan Mont Pelée1902, als er in der kleinen Stadt St. Pierre auf Martinique stationiert war,  organisierte er die Flucht vor einem Vulkanausbruch – der 26.000 Menschen das Leben kostete – und konnte 700 Menschen retten. Dieses Ereignis spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Hébertisme, denn es bestärkte seine Idee, dass es überaus wichtig ist, athletische Fähigkeiten mit Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit und Tapferkeit zu vereinbaren. Dies spiegelt sich auch in einer Devise der Méthode Naturelle wider: „Être fort pour être utile“ („Sei stark um nützlich zu sein“).

Unter Einfluss seiner Erfahrungen und Eindrücke, entwickelt Hébert einen Plan für die Reform des Sportunterrichts bei der Marine auf und definiert die Grundstatuten der Méthode Naturelle. 1903 bittet er um Versetzung an die Marinefüsilierschule in Lorient. Dort nimmt er die zu jeder Zeit bestehende Leibeserziehung unter die Lupe, studiert Sportbewegung und nimmt an Wettkämpfen teil, die ihm das ungesunde Verhältnis zu erkennen helfen, zwischen körperlichen Vorbereitung und sportlichen Wettkämpfen, die fast nur übertriebene und spezielle Spitzenleistungen zur Schau stellten.

Erste Schule in Loirent 1905 wird Hébert mit der Gesamtleitung der Körperausbildung in der Marineschule von Lorient beauftragt (1200 Mann). Hier unternimmt Hébert die ersten Versuche, seine Lehre einzusetzten. Dabei muss er sich vielen Schwierigkeiten, Vorhaltungen und feindliche Kritik gegenüberstellen. Aber schon die ersten Ergebnisse waren im Bezug auf Leistungsfähigket höher als alle  die, die bis zu dieser Zeit je in einer militärischen Einheit erreicht wurden. Hébert Lehre fängt an, Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. 1907 wird seine Methode von Reportern veröffentlicht, udn 1909 findet sie ihre offizielle Verbreitung in der Marine.

Hindernisbahn. Es ist die Marine Schule in Loirent, wo Hébert mit der Entwicklung von der ersten Hindernisbahn beginnt. Der Übungsplatz von der Lorient Schule weiste bereits Einrichtungen auf, deren Konzeption auf Amoros zurückgeht. Diese werden von Hébert innovativ als Hindernisbahn eingesetzt. In Folgejahren experimentiert Hébert und entwickelt diese weiter, bis er schließlich 1914 – 1918 die Hindernisbahn formalisiert (parcours du combattant, parcours d’obstacle). Fast ein halbes Jahrzent später, weicht die Ausbildung von Stoßtruppen und Kommandos sowie der Hindernislauf sehr wenig ab von den ersten von Hébert entwickelten. 

Großer Erfolg. Collège d’athlétes de Reims. In diesen Jahren stellt Hébert seine natürliche Methode der Öffentlichkeit vor: 1909 in Caen in Anwesenheit des Präsidenten der Republik; 1913 in Paris beim internationalen Kongress der Leibeserziehung. Bei der letzten tritt Hébert mit 350 seinen Schülern auf: 100 Kindern im Alter  9 – 14 aus der Marinezöglingsanstalt, 150 Jugendliche im Alter 14 – 17 aus der Schiffsjugendschule, und 100 Rekruten im Alter 17 – 21 aus der Fusilierschule. Hébert war der einzige, der seine Schüler für den Auftritt willkürlich auswählte und nicht mit ausgesuchten Athleten und Spezialisten auftrat. Diese Neuerung zieht große Aufmerksamkeit an sich. Auch kann keine der vorgeführten Gruppen an Organkraft mit der von Hébert gezeigten mithalten. An ihnen allen erstrebte man die gute Form bei statischen Übungen und die stramme Ausführung mechanische Übungen, wohingegen Hébert die Wichtigkeit der Ortsveränderung zur Stärkung der Organkraft betonte.  Zahlreiche Athleten schreiben sich bei ihm ein.

Außerdem kann Hébert den Baron de Polignac als seinen Sponsor für sich gewinnnen, auf dessem Gut in Riems Frankreich erstes Trainingszentrum und Institut für Leibeserziehung erbaut wird, 1913, mit Hébert als Direktor. Dort arbeitet er zusammen mit Demeny, schafft Frauenabteilungen, bildet Trainer und Lehrer aus. Zahlreiche Gemeinden, Vereine und Schulen aus In- und Ausland ließen ihre Trainer in Reims ausbilden. Diese Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges kann als die eigentliche Epoche der Ausbreitung, besonders in Schulkreisen, angesehen werden.

1913 übernimmt Pariser Feuerwehr MN als ihre Trainingsmethode. Der Kommandeur der Pariser Feuer, Commander Stefani, wurde ein enger Mitarbeiter von Hébert seit 1933.

Bereits 1907 erscheint das erste Werk von Hébert: „L’Éducation physique raisonnée, was so viel wie „Die vernünftige Leibeserziehung“ bedeutet. Es folgen seine wichtigsten Werke „Guide pratique d’éducation physique“ („Die praktische Anleitung zur Leibeserziehung“), 1910,   und „L’Éducation physique ou l’entraînement complet par la méthode naturelle“  („Die Leibeserziehung oder das vollständige Training durch die natürliche Methode“), 1912, in denen Hébert seine Methode ausführlich beschreibt.

Erster Weltkrieg. Im ersten Weltkrig wird das Zentrum in Reims zerstört. Hébert wird an der Spitze seiner Kompanie von Marineschützen bei Dixmude schwer verletzt. Nach seiner Genesung wird er  mit der Sportausbildung der 4. und später auch anderen Armeen beauftragt. Während dieser Zeit führt Georges Hébert ins Militärtraining eine Innovation ein – das Kriechen und Fortbewegung auf allen Vieren, auch genannt Quadrupedie. Aus seinen Beobachtungen wurde eine große Anzahl von französischen Soldaten im ersten Weltkrieg getötet oder verletzt, nur weil sie nicht in der Lage waren, schnell zum Boden zu gehen, Versteck aufzusuchen, oder mit minimaler Sichtbarkeit zu kriechen.

Methode Naturelle wird auch in besonderem Masse in Krankenhäusern angewandt. „Man unterrichtete ganze Scharen von schwachen, unheilbar kranken und tuberkulosverdächtigen Kindern. Die Resultate brachten die Meinung und Kritiken derjenigen zum Schweigen, die die neue Lehre als rein militärische und athletische bezeichnet haben“.

Neuanfang. Leibeserziehung der Frauen und Kinder Nach dem Ende des Krieges ist die Lage für MN ungünstig. Die Schule in Riems ist zersört, die Jugend interessiert sich für Sport und Rekorde. Hébert sammelt seine alten Trainer von Reims und gründet ein gymnastisches Kolleg für Frauen und Kinder, erst in Deauville, dann in „Le Var à la Londe des Maures“. (Gymnastikschule für Frauen und Kinder, der er den Namen ‚Palestra‘ gab. Mit der Zeit entstanden zahlreiche Tochterschulen, in denen den jungen Mädchen neben Methode Naturelle auch Gegelegenheit zur Handarbeit und praktischen Tätitgkeiten gegeben wurde. Hébert beschäftigt sich besonders mit der Ausbildung von Sportlehrerinnen – Monitrisse – , und übernimmt zusammen mit seiner Gattin die Leitung von ‚Paestra‘ in Paris.

1919 erscheint sein Buch L’Éducation physique féminine. Muscle et Beauté plastiqueüber die Leibeserziehung von Frauen, deren natürliche weibliche Schönheit und körperliche Entwicklung. Seine Ideale sind inspiriert von Vorbildern der Antike und Naturvölker. Das Buch ist für seine Zeit revolutionär. 

Obwohl die Méthode Naturelle ursprünglich in militärischen Kreisen entstand, um zunächst den Soldaten der Marine eine grundlegende Ausbildung zu schaffen,  war Hébert fest davon überzeugt, Méthode für die Leibeserziehung der Allgemeinheit entwickelt zu haben. Er widmet sich der schulerischen Körperausbildung und prädigt dafür, die Armee in der Schule auszuschalten, und diese aufgabe an Erzieher, Ärzte und Eltern zu überlassen.  Dabei führte er zum Teil einen erbitterten Kampf, zum Beispiel greift er öffentlich die seiner Meinung nach mangelhafte Ausbildung in der Militärschule von Joinville, die die Lehrer für den schulischen Turnunterricht ausbildete. Daraufhin entfacht sich ein öffentlicher Streit, der fast zehn Jahr anhält und erst durch eine Komission die beide Arbeitsweise der beiden Seiten anerkennt, bereinigt wird. Hébert bleibt aber weiterhin der Überzeugung, dass die Leibeserziehung vom Einfluss der Militär verschönt bleiben und ausschließlich den Erziehern überlassen werden soll.

Schriftstellerische Tätigkeit. Ab 1926 widmet sich Hébert vorwiegend seinen schriftstellerischen Tätigkeiten und überlässt die praktische Arbeit mehr oder weniger seinen Schülern und Anhängern. In seinem Buch „Le Sport contre L’Education Physique“ (Sport gegen Leibeserziehung), 1925, beginnt Hébert den Kampf gegen übertrieben sportlichen Erziehungsmaßnahmen. „Er richtet sich gegen die unbefuten Amateure, die die Idee des Sportes entehrten, die ihrem Übermass eher moralische als körperliche Schäden hervorriefen und den Sport zu einer sozialen Gefahr machten. “

Daraufhin arbeitete er an seinem fünfbändigen Lebenswerk „L’éducation physique virile et morale par la méthode naturelle.“ Das erste Band erscheint 1936 und beschreibt grundsätzliche Ideen, allgemeine Richtlinien, und Arbeitsprinzipien. Die folgenden vier Bände  wirmet Hébert ausführlich der Technik der natürlichen Bewegung und allen zehn Bewegungsfamilien. Er schreibt die technische Ausführung von über Tausenden Übungen.

Erst also nach fast einem viertel Jahrzehnt praktischer Erfahrung und Beobachtungen fasst Hébert seine Methode ausführlich zusammen. Dies wird der Grund sein, warum sie so gründlich gedacht, mit solcher Klarheit aufgebaut und warum ihre Anwendung so praktisch und einfach ist.

Vom Jahr 1922 bis zu seinem Tod leitet Hébert die Zeitschrift „L’Éducation Physique“ (Die Leibeserziehung), und schreibt fast zu jeder Nummer ein Vorwort oder einen Artikel. Die Zeitschrift dient der Verbreitung und Verteidigung der Méthode Naturelle und bezeugt ihre weitere Geschichte.

1937 wird dem Hébert von der Vereinigung der Sportschirftstelller der Jahrespreis zuerkannt.

Weitere Entwicklung

1933 gründen erfahrene Sportlehrer und Anhänger von Méthode Naturelle eine Organisation ‚Groupement Hébertiste‘, um die Lehre systematisch zu verbreiten und Erfahrungen auszutauschen. Hébert beteiligt sich nicht an der Gründung und steht der Gruppe nur als technischer Berater zur Seite. Auch 1942, als Fédération Française d’Éducation Physique (FFEP) gegründet wird, leht Hébert das Angebot ihr Vorsitzender zu werden, ab. Er betont seine Einstellung,  MN lebend durch freie Gruppen, unabhängig von einander und jeder Organisation sehen zu wollen, da diese eine Gefahr der Institutionalisierung, Totalisierung und Politisierung in sich bergen.

Während Méthode Naturelle in vielen Ländern schon praktisch angewendet wird, musste Hébert in seinem eigenen Land immer weider gegen Widerstände kämpfen. Er setzte sich für die flächendeckende Einführung von Méthode Naturelle und führte oft erbitterte Kämpfe, vor allem gegen den Statt. In den Zeiten vor dem Zweiten Weltkriegt warnt er, dass solange Frankreich Schauspiele veranstaltet und sich mit Leistungssport beschäftigt, schmeidet Deutschland unablässlig Menschen, die dem Vaterland dienen sollen. Ab jetzt kehrt er in seiner Zeitschrift und Werken immer wieder zu seiner ursprünglichen Idee der Soldatenausbildung zurück.

Bis 1941 haben viele Bereiche der Leibeserziehung in Frankreich – Schulen, Armeen, Jugendlager, Scouts etc.  – MN  direkt oder indirekt übernommen (bis 1951 bleibt gültig, to do). Die Französische Hochschule für Leibeserziehung führt MN als neues Unterrichtsfach.

1943 im Wochenblatt der französischen Arbeiter in Deutschland, heisst es unter dem Titel „La Doctrine nationale“: In der frischen Luft leben, in der freien Natur gehen, laufen, klettern, schwimmen…

Seine Gegner gönnten ihm den Ruhm nicht und versuchten, seine Leistung zu schmälern. Oder sie übernahmen seine Ideen und veröffentlichen sie als eigene Gedanken (beides ist auch heutzutage, hundert Jahre später, oft der Fall). Oder sie legten seine Lehre falsch aus, so dass ihre Natürlichkeit und Ursprünglichkeit verloren gingen. Besonders während des Zweiten Weltkrieges, als die Ausbildung von Sportlehrern zu schnell erfolgte, wurde MN nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben und bekam einen militärischen Anstrich und wurde als Drill gelehrt.  Die Prinzipien wurden nicht richitg verstanden oder als lächerlich gemacht, und 1945 ließ man MN als offizielle Lehre wieder fallen.

Dennoch blieb MN im Schulunterricht von entscheidener Bedeutung. Vor allem die Unterrischtssform „Plein Air“ – Nachmittage unter dem freien Himmel, mit Geländerspielen in der Natur und anderen Formen von freien sportlichen Betätigung – fand ihren unverfälschten Unsprung in MN.

1955 wurde in Paris der 80. Geburtstag Héberts und das 50-jährige Bestehen seiner Methode gefeiert. Zahlreiche Persönlichkeiten ehrten den Begründer von Méthode Naturelle, während seine Anhänger Vorführungen organisierten. Für seine Leistungen wurde Georges Hérbert  mit einem Verdienstorden von Kommandeur der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Mit 1957 erkrankte Hébert und starb an Lähmung, hat aber während der Krankheit viele Menschen beeindruckt mit seinem Willen noch mal Gehen, Sprechen und Schreiben zu lernen.

Vorfahren von MN und Neuerungen von Hébert

Obwohl die Meinung, dass Hébert ausschließlich von Ureinwohnern seine Inspiration geholt hat, sehr verbreitet ist, hat er bei der Entwicklung der Méthode Naturelle auch mehrere bereits bekannte Disziplinen wie antike griechische Gymnastik integriert und auch die Lehre von anderen Forschern miteinbezogen, wie zum Beispiel diese von Amoros und Demeny, die Körperausbildung als Ganzheitserziehung betrachteten. 1

(Gegen das Ende vom 19. Jahrhundert erhoben sich Physiologen gegen das klassische Turnen, die die Freiluftübungen befürworteten. Demeny war ein Befürworter von Freiluftübungen. )

Er steht am Ende einer langen Kette von Philosophen, Medizinern, Praktikern. Hébert bezieht sich bewusst auf seiner Vorgänger, und ist stolz auf dem Erbe und Gedankengut aufzubauen, dass seine Ideen bestätigt.

Als einer der ersten, der die Nachteile der Zivilisation erkannt, die Menschen seiner Zeit mit denen die in der Natur leben, vergleicht, und  Forderungen nach einer Ganzheitserziehung gestellt hat, war bereits der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der in seinem berühmten Roman ‚Emile‘ (1762) fordert, dass die Erziehung der Kinder auf den Regeln der Natur basiert. „Härtet ihre Körper gegen die Rauheit der Jahreszeiten, der Klimate, der Elemente, gegen Hunger, Durst und Strapazen ab… Emil muss imstande sein, weit und hoch zu springen, auf einen Baum zu klettern, über eine Mauer zu steigen, und dabei stets das Gleichgewicht zu bewahren… Anstatt ihn mit Luftsürungen zu beschäftigen, würde ich meinen Zögling an den Fuss eines Felsens führen.“

Praktisch umgesetzt wurden Ideen von Rousseau vor allem durch den deutschen Schulpädagogen GutsMuths, der ab dem Jahr 1786 sein Gymnastikunterricht methodisch und natürlich gestaltete. „Wettlaufen, Voltigieren, Springen über einen Graben, Springen über eine Gerte, die nach belieben erhöht werden kann, forcierte Märsche, Werfen nach dem Ziele, […] Gehen auf dem scharfen Ende eines Brettes, […] Aufheben eines Gewichts mit einem Stabe, […] Schlittschuhlaufen, Schlittenfahren.“ GutsMuts Werke inspirierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderst sowohl ‚Tunrvater‘ Jahn in Deutschland, der sein Turnen frei und natürlich gestaltete, als auch Pehr Henrik Ling, den Begründer der Schwedischen Heilgymnastik.  Bedeutendene Rolle spielte auch der schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi mit seinem Werk Elementargymnastik (1807), der den Amoros inspirierte, und dessen Übungen Ling fast wörtlich abschrieb.

Mit der Zeit beginnt allmählich die Verengerung und Verkünstelung der Leibeserziehung und des Turners, und fand ihren Klassiker in Adolf Spiess. Die natürlichen Bewegungen wurden im deutschen Raum durch stilisierten ersetzt, die freie Lehrweise durch Drilllehrweise, die Freiluftübungen zugunsten der Hallenübungen vernachlässigt, das schwedische Turnen auf ‚körperformende‘  und militärisch wichtige Übungen beschränkt. In dieser Form fand das Turnen weltweite Verbreitung, nicht jedoch weltweite Akzeptanz, sodass man die anderen natürlichen Wege versuchte. Diese äußerten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert in England als eine Sportbewegung im Freien – Spiele, Leichtathletik, Rudern, wennoch auch mit Wettkampf und Leistung verbunden, in Deutschland als Bergsteigern, Bade- und Jugendbewegungen.  Auch unter den Turnen fanden sich Vokämpfer der Rückkehr zu der Vielseitigkeit von GutsMuts und Jahn.

In Frankreich machte die Leibeserziehung ähnliche Entwicklung wie in Deutschland. Der Begründer der Französischen Schule der Leibeserziehung, Francisco Amoros (1770-1848), war ein spanischer Soldat und Pädagoge. Seine Methode war der ähnliche umfassend und natürlich wie diese von GutsMuts. Sie war auch außerordentlich nützlich und praktisch, mit dem Ziel, starke Menschen zu schaffen im höchsten Sinne des Wortes. Sie bezog sich vor allem auf Erwachsenen und Soldaten. Auch Amoros Lehre musste wie die von GutsMuts und Jan einen Rückschlag erleben, da auch in die Französische Schule das mit der Zeit verrzerrte und stilisierte Bild vom deutschen und schwedischen Turnen eindrangen.  Aber auch in Frankreicht erhoben sich dagegen gegen das Ende des 19. Jahrhunderts vornehmlich die Physiologen die die Freiluftübungen befürworteten und wieder die natürlichkeit verlangten. Ihre Richtung setzten Demeny und Hébert fort.

Georges Demeny (1850-1917), ein französischer Wissenschaftler, führte jahrelang physiologische Forschungen über Fortbewegung der Menschen. Zusammen mit Marey erfand er ein fotografisches Gerät mit dem sie eine Bewegung in allen Einzelvorgängen festhalten könnten. Auch führte er anatomischen Untersuchungen des Bewegungsapparates und physiologischen Studien der organischen Funktonen, insbesondere der Lunge. Mit seinen Werken unter anderem über die Mechanik der Bewegungen bereichert er die Theorie der Leibeserziehung und wendet seine Methode auch sehr früh in der Frauengymnastik. Demeny führt die Idee der Dosierung, der allmählichen Entwicklung, der Abstufung und des Maßes, was bei seinem Vorgänger Amoros noch fehlte. Demenys Methode besteht vorwiegend aus analytischen Bewegungen, die synthetischen Bewegungen werden von Hébert eingeführt. Als Mediziner befasst sich Demeny als einer der ersten mit den Ideen und Vorschriften für Körperausbildung von schwachen Menschen. 1914 richtete Démenyiim Collège de Reims ein bedeutendes physiologisches Laboratorium ein, wo er unter Mitarbeit von Hébert seine Forschungsarbeiten fortsetzte.

Die Bewegungsfamilien in Methode Naturelle – Klettern, Springen, Laufen, Springen etc.,  sind nichts neues. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden all diese im körperlichen Training bereits erfunden und erprobt. Der Verdienst von Georges Hebert liegt in der Erfindung einer effizienten Trainingsmethode, also der Art diese Disziplinen  anzuwenden und zu kombinieren um schnell und effizient körperliche Perfektion zu erreichen. Er hat erfunden, wie er selbst behauptet, „eine bessere Art zu trainieren“.

Vor dem ersten Weltkrieg, zu den Zeiten wo man nur statisch arbeitete, in langen Hosen und Flanellhemden, mit umgeschnallten Gürtel, führte Hébert die kontinuierliche Bewegung ein, barfuß und mit freiem Oberkörper. Als erste führte er Freude, Gesänge und Schreien in die Trainingstunden ein. Genauso richtete er eine systematische Kontrolle ein, mit tabelliarischen Erfassung der Leistungen.

Die Gedanken Héberts trafen auch auf die Tendezen seiner Zeit. So hatte der Deutsche Turnerbund  1889 die Verengung des Spiessischen Turnes abgesagt und wieder Geländespiele, das Schwimmen, das Wandern, den Schneelauf, den Fünfkampf aufnommen. Die österreichische Schule wandrte sich 1910 auch vom starren Turnen ab, und führte Freiluftübungen ein

Der Begriff ’natürlich‘ sollte den Gegensatz zum Turnen mit seinen militärischen Exerzierübungen, den gekünstelten und stilisierten Bewegungen ausdrucken.

Hebért führt als Erster Quadrupedie in die militärische Trainingslehre ein. Dies geschah in den letzten zwei Jahren vom ersten Weltkrieg. Davor war in militärischen Kreisen überwiegend nur ein stehendes Kämpfen akzeptiert, als Beweis der Tapferheit, aus Notwendigkeit im Umgang mit Waffen, sowie zur Aufrechterhaltung von Rängen. Der Gegner soll zum Boden fallen. Amoros praktizierte keine Übungen der Quadrupedie, er meinte sie widersprachen seiner Lehre.

Entwicklung Weltweit

Héberts Lehre beeinflüsst die Systemen der Leibeserziehung weltweit : Spanien, Portugal, Argentinien, Tschechoslowakei.

Der Einzug von MN in Belgien fand im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ spät statt, jedoch erfolgte progressiver als anderswo. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Hébertism nach und nach auch in Belgien popularisiert, und hat angefangen sich durch bis dahin etablierte schwedische Gymnastik durchzusetzten. Zuerst eingeführt in der Provinz Hennegau  an Schulen und Universitäten unter Anleitung von G. Dejean, breitet sich MN aus, auf Schulen, in der Militär, in der Arbeits- und Pfadfinder Bewegung. 1930 wird das erste Zentrum in Charleroi eröffnet und drei Jahre später funktionieren in Belgien bereits über 20 kostenfreie Zentren.

1937 wird Hébertism in dem französischsprachigen Katholischen Pfadfinderverband eingeführt.
Méthode Naturelle lebt auch während des zweiten Weltkrieges weiter hat sich weiter verbreitet während des zweiten Weltkrieges in einem Gefangenenlager für Offiziere in Deutschland, wo zwei ihre Anhänger, Camille Tasse und Marcel Beugnier, die Methode in die Belgische Armee etabliert haben.

Nach dem Krieg gründet Marcel Beugnier die bis heute existente FBEPMN –  Fédération Belge d’Éducation Physique par la Méthode Naturelle, die 1953 offiziell vom Ministerium für Gesundheit anerkannt wird. Camille Tasse wird zum Direktor des Instituts der Militär für Leibeserziehung. MN hält festen Einzug in die belgische Militärausbildung. Woraufhin die rechte Hand von Georges Hébert, Kommandant Stefani,  schreibt: „Wann werden wir in Frankreich die gleiche ernsthafte Arbeit wie in der belgischen Armee sehen?

1951 wird Georges Hébert nach Belgien eingeladen, wo er sich persönlich von der Arbeit des Kommissars für Gesundheit und Körpererziehung der Pfandfinder von Belgien, des  Instituts der Militär für Leibeserziehung (verantwortlich für die Ausbildung von Offizieren) und des Elite-Kommandoregiments überzeugen kann und das richtige Verständnis der Methode befürwortet.

Während seines Arbeitsaufenthalts in der Lombardei, bietet Jean Hendrickx, Kommissar der Belgischen Seepfadfindern, MN Trainings für die lokalen Scouts. 1952 findet der erste Hébert Camp auf dem Comer See statt. So statet MN seinen Einzug in die Italienische Pfadfinderbewegung. In Mailand, Vicenza, Turin und Rom werden MN Zentren eröffnet. Seit 1970 veranstaltete AGESCI (die wichtigste Pfadfinder Organisation Italiens) jeden Sommer einen Héberstism camp für Jungs und Mädchen aus ganz Italien.  every summer, the “sett

In den 60ern und 70ern Jahren gerät MN in Vergessenheit.

„Internationale Bewährung bei den Wettkämpfen“. Hébert hat solche entwicklung in seinem Buch Sport contre Education Physique behandelt  „dass in der Leistung einiger Ausnahmsmenschen die körperliche Leistugnsfähigkeit eines ganzen Volkes dargestellt wird“ „Statt Menschen zu erziehen, haben wir bisher Sportkanonen ausgebildet, statt ein Erziehungswerk zu leisten, haben wir Schauspiele veranstaltet!“ Jeder Zuschauer muss vom Übungsplatz entfernt werden

„Vielleicht war der Zeitpunkt, in dem die neue Lehre verkündigt wurde, noch verfrüht. Zwar entfernten sich die Menschen immer mehr von ihren natürlichen Lebensbedingungen, doch die Gesundheit und Leistungskraft hatten sich erst wenig verschlechtert. Man sah die unbedingte Notwendigkeit diese Methode noch nicht ein.“ Das neue Interesse in MN liegt ganz im Trend mit dem allgemeinen Bewusstsein der Menschen heutzutage, der sich auch auf Natur- und Tierschutz, Konsumreduzierung, erneubare Energien, Downshifting richtet. „Der große Umbruch, den das Werk von Hébert einleitete“

 

 

 

Moderne Zeiten

(2004 wurde der Name der Föderation abgekürzt zu Fédération Belge d’Hébertisme. Heute tritt die Föderation unter dem Namen Sport’nat® auf.)

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand die Méthode Naturelle durch verschiedene Variationen von Trimm-Dich-Pfaden und Hérbertisme Parks Verbreitung. Zu Jahrtausendwende war die Disziplin abgesehen von ein paar Föderationen und Vereine in Frankreich und Belgien fast in Vergessenheit geraten. Jedoch dank neuem Trend zum Outdoor Fitness wurde sie wieder bekannt.

Nicht zuletzt wurde durch die von David Belle und anderen entwickelte Kunst der Fortbewegung – Parkour – Méthode Naturelle in der modernen Zeit bekannt. Denn fast alles was in Parkour zu finden ist wurde von Méthode Naturelle direkt oder modifiziert übernommen.

Quellen:

Jean-Jacques Rousseau: Emil oder über die Erziehung. Band I und Band II. Tredition, 2011.

Renson, R. La diffusion de la Méthode naturelle en Belgique (2014). Le Collège d’athlètes de Reims. ÉPURE.

Philippe-Meden, Pierre. Georges Hébert (1875-1957). A naturalist’s invention of body ecology. Body ecology and emersive leisure. Routledge, 2018

1. “Die Methode von Amoros wäre im Grunde nützlich und bemerkenswert ihrem Ziel angepaßt: Männer herauszubilden, die kräftig, energisch udn fähig sind, sich utner allen Umständen zu bewähren, vor allem auch im Krieg. Amoros wendet sich mehr an die Erwachsenen und an das Militär.
Er ist der wahre Entdecker des Trainings, d. h. der methodischen Arbeit im Hinblick auf das Ziel, im wahrsten Sinne des Wortes starke Wesen zu schaffen. Zum Werk Amoros und dessen oft zu ungestümen und ungenügend bemessenen Anwendung hat Demeny die Idee vom Maßstab beigetragen, von methodischer Entwicklung und Aufbau in der Anstrengung.
Er hat die Übungen den Schwachen nähergebracht, indem er die ästetischen und hygienischen Anwendungsbedingungen der Arbeit klarstellte und die Wirkungen der Übungen auf den Organismus analysierte. Er hat die Suche nach den Charakteristiken der natürlichen Bewegung aufgenommen… Wir haben das Bewusstsein, das Werk dieser beiden Erzieher weiterzuführen und dem Weg zu folgen, den sie gebahnt haben. Die großen Leitgedanken sind dieselben, ein gemeinsames Band verbindet sie“.
Hébert, Georges: L’Éducation physique virile et morale par la méthode naturelle, Band I, 6. Auflage, Paris 1936, S. XIX (Eigene Übersetzung)

2. So zum Beispiel der Deutsche Fritz Eckardt in seinem Werk „Der Turnunterricht entwickelt aus den natürlichen Bewegungsformen: ein Ratgeber für das Turnen in Schule und Verein zugleich ein methodisches Hilfsbuch für die Turnlehre an Seminaren usw.“, Huhle 1908)